Type Magazine: Gesichter des Krieges

Gesichter des Krieges

Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld legt mit diesem Buch eigentlich gleich drei vor. Wer sich einfach nur über die globale Entwicklung von Streitkräften weltweit in den letzten hundert Jahren informieren will, möge zu diesem Buch greifen. Er wird sich weder langweilen, noch enttäuscht sein. Gleiches gilt aber auch für Leser, die eine Zusammenschau der teilweise provokanten Thesen van Crevelds zur Entwicklung von Streitkräften suchen, wie für diejenigen, die in der aktuellen Diskussion um die Entwicklung von Militär in den nächsten Jahren Inspirationen und Argumente suchen.

Die ersten vier Kapitel widmet der Autor der Zeit von 1900 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In den einzelnen Kapiteln zeichnet er die ineinandergreifenden Entwicklungen von Militärtechnik, Ausbildung und militärischem Denken nach. Seine Schilderung konzentriert sich dabei auf die sogenannten großen Nationen. Einen Schwerpunkt bildet dabei, dem besonderen Interesse van Crevelds folgend, immer wieder die deutsche Armee. Dem Autor gelingt trotz der enormen thematischen Bandbreite eine wohltuende Reduzierung auf das Wesentliche und damit eine straffe und flüssig zu lesende Darstellung.
Das fünfte Kapitel (Im Schatten der Bombe) widmet van Creveld der Atombombe und ihrer entscheidenden Bedeutung auf Militär und Politik im Kalten Krieg. Die dabei vertretene These, dass „die Bombe“ die Außenpolitik eines Landes, das in ihrem Besitz, ist merklich rationalistischer und ruhiger macht, ist nicht mehr ganz neu, aber in der vom Autor in dieser Deutlichkeit dargestellten Form doch wieder für ein kleines Stirnrunzeln gut.

Im letzten Kapitel (Die neue Weltordnung) setzt sich van Creveld mit den Herausforderungen auseinander denen die Streitkräfte des sogenannten „Westens“ heute weltweit begegnen. Dabei schildert er zwei „gelungene“ Beispiele für die Bewältigung eines Aufstands durch Streitkräfte und das fehlerhafte Handeln der US-Truppen im Irak. Die Schlussfolgerungen, die er aus den Beispielen zieht, sind für westliche Politiker bitter, aber leider wohl nahe an der Wahrheit dran. Sie machen vor allem deutlich, dass alle westlichen Streitkräfte in den nächsten Jahren eine deutliche Transformation durchlaufen müssen, dass diese Transformation in den Köpfen der militärischen und politischen Führung beginnen muss und dass diese Veränderung nicht ohne erheblichen finanziellen Aufwand zu bewältigen ist.

Van Creveld gelingt es in diesem Buch, eine unglaubliche Fülle von Material zu bändigen und anhand eines deutlichen roten Fadens immer wieder zu einer klaren These zu bündeln. Die historische Darstellung ist flott zu lesen, ohne jedoch in die sonst bei diesem Thema drohende Trivialität und unzulässige Verkürzung abzugleiten. Die Darstellung der aktuellen Herausforderungen in der Sicherheitspolitik und seine möglichen Antworten präsentiert er ebenfalls ohne das sonst bei diesem Thema fast zwangläufigen Abgleiten in Plattitüden und aussagelose Schlagworte. Auch wenn man die Thesen, die er aufstellt, nicht immer alle hundertprozentig teilen muss, gebührt ihm doch Respekt für deren pointierte Darstellung, die seine Argumente immer nachvollziehbar erscheinen lassen.

Kurz und gut: ein sehr gutes, nie langweiliges und für die Debatte um die zukünftige Entwicklung von Sicherheitspolitik und militärischem Denken wichtiges Buch. Angesichts der Qualität des Textes hätte man sich vom Verlag einen sorgfältigeren Umgang mit ihm gewünscht. Die für Bücher dieser Thematik typischen Übersetzungsfehler finden sich auch in diesem Buch leider zu häufig. Viele dieser Fehler ließen sich vermeiden, wenn man sich darauf einlassen würde, dass auch das Militär eine über Jahrhunderte entwickelte Fachsprache hat.

[Matthias Schmidt]