Type Magazine: Warum wir aufhören müssen, so verdammt „normal“ zu sein

Warum wir aufhören müssen, so verdammt „normal“ zu sein

Wir Menschen lieben das Mittelmaß: Das zu tun, was „alle“ machen, kann ja nicht falsch sein. Und sicher ist es einfacher, der Masse zu folgen und so ein wunderbares Alibi zu haben für sein eigenes Handeln. Der Haken: Wer das tut, was alle machen, wird auch nur das bekommen, was alle bekommen. In enger werdenden Märkten ist das nicht selten zu wenig. Heute gilt: The winner takes it all. Und die Mitte gewinnt nie!

Mittelmaß oder die Angst vor der Eigenverantwortung

Ob angestellt oder selbstständig, ob 30 oder 60: Wir lieben das Mittelmaß. Was „jeder“ tut, muss ja richtig sein. Und geht es doch schief, sind die „Anderen“ schuld: die Gesellschaft, die Krise
(eine geniale Ausrede!), im Zweifelsfall Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter, die Generalbevollmächtigten der Schuld. Damit hat man ja keine Schuld, sondern sogar eine Ent-Schuldigung. Schuld haben die Anderen, die Gemeinschaft, die kollektive Entscheidung. In Wahrheit haben wir Angst, etwas falsch zu machen, und tun deshalb, was alle tun. Das ist zwar keine Erfolgsgarantie, liefert aber die Ausrede gleich mit. Dabei bringt die Angst nichts. Zu Tode gefürchtet ist schließlich auch gestorben! Mittelmaß gewinnt nie. Es hat nie gewonnen, und es wird auch nie gewinnen. Im Zeitalter des Überflusses steigt die Zahl der Angebote unaufhaltsam. Jeden Tag kommen neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt. Und selbst, wenn Sie sich heute sicher fühlen: Möglicherweise bastelt Ihr größter Konkurrent, der Sie in zehn Jahren das Fürchten lehren wird, gerade an seinem Businessplan. Alle Organisationen möchten teilhaben, sie wollen ein Stück vom Kuchen. Um Erfolg zu haben, müssen wir also aufhören, so verdammt normal zu sein.

Dort, wo alle sind, ist wenig zu holen

Wenn wir uns wie alle anderen benehmen, werden wir auch nur dieselben Dinge sehen, dieselben Ideen haben und ähnliche Produkte oder Dienstleistungen entwickeln. Im besten Fall führt eine normale Produktion zu normalen Ergebnissen. Benchmarking, ein oft doziertes Vorgehen, ist nichts anderes als organisierte Gleichmacherei. Erfolg entsteht eben nicht durch das Mit-, sondern vor allem durch das Voranmarschieren. Solange Menschen, Marken und Unternehmen nur das bieten, was alle bieten, bekommen Sie eben auch nur das, was alle bekommen: Durchschnittliche Erlöse, durchschnittliche Anerkennung, durchschnittliche Aufmerksamkeit. Dort, wo alle sind, ist wenig zu holen. Jeder sucht die goldene Mitte, und wer sie gefunden hat, wird feststellen, dass sich dort viel zu viele tummeln. So ist die Ansammlung der ewigen Zweiten die immerwährende Suche nach dem ersten Platz oder die Suche nach Mitleid.

Knapp daneben ist auch vorbei

Sie laufen einen Marathon und überholen den Zweiten. Auf welchem Platz sind Sie jetzt? Eben nicht auf dem ersten, sondern auf dem zweiten. Bei Olympia ganz nett, im Business immer ein Platz in der Gesellschaft der Verlierer. Es nützt im Verkauf gar nichts, auf Platz 2 in der Gunst des Kunden zu stehen. Gekauft wird beim Ersten. Das soll bei Eheschließungen und vielen anderen Dingen ähnlich sein.In einer Welt, in der der Gewinner alles einstreicht, gilt folgende Gleichung: Normal ist ein Nichts! Aber wenn wir gewillt sind, ein kleines Risiko einzugehen, eine winzige Regel zu brechen, etwas von der Norm abzuweichen, gibt es zumindest die theoretische Chance, dass wir andere, bessere Ergebnisse erzielen, eine Nische entdecken, Erfolg haben. Ob Sie besonders exklusiv oder preiswert sind, Vertriebswege revolutionieren oder Marktgesetze auf den Kopf stellen: Garantien gibt es keine. Das Business hat Ähnlichkeit mit Lotto spielen. Wenn Sie mitspielen, stehen die Chancen bei 99 Prozent, dass Sie verlieren. Wenn Sie nicht teilnehmen, liegt die Chance zu verlieren bei 100 Prozent. Setzen Sie auf das eine Prozent. Setzen Sie daher auf Menschen, die auf die Zukunft setzen, die ein Risiko eingehen, die Regeln brechen und neue aufstellen.

Das Leben ist keine Generalprobe

„Mittelmaß hält die Welt zusammen und das Außergewöhnliche gibt ihr den Wert“, so Oscar Wilde. Tatsächlich versinken viele Menschen im Mittelmaß und leben ihr Leben als ewigen Kompromiss: Sie suchen sich die Stelle, den Wohnort, die Beziehung aus, die gerade mal passen. Es ist, als lebe man ein Probeleben für ein zweites Leben, das niemals stattfindet. Aber anders als in der Formel 1 gibt es abseits der Rennstrecke keinen Probelauf, in dem wir üben, ausprobieren können, um erst danach das „echte“ Leben mit Vollgas anzugehen. Es gibt kein zweites Leben. Internetplattformen wie Second Life boomen, weil die Microsoft-Generation hier das auslebt, wozu sie im wirklichen „First Life“ nicht den Mut findet. So steckt die ganze Energie im virtuellen Leben. Manche werden darin zum Weltmeister und gleichzeitig zum reellen Versager. Glaubend, dass der Spieleinsatz nicht so hoch ist, spielen wir mit dem Höchsteinsatz, unserem Leben. Der Preis, den wir dabei zahlen, sind die verlorenen Tage des Lebens, die wir täglich als Einsatz bringen. Um dieses Spiel zu verlieren, braucht es keine Internetplattformen. Warum greifen wir nicht nach den Sternen, nicht nach dem, was für uns wirklich zählt? Warum nicht gleich das Beste aus sich, seinen Fähigkeiten, seinem Leben machen? Warum geben sich viele Menschen stattdessen mit dem Zweit-, Dritt- oder Fünftbesten zufrieden?

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute …

… meinte George Bernard Shaw, denn: „Seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“ Wer die Realität verändern will, wer den Fortschritt vorantreiben will, der muss zuallererst sein Gedankengebäude in Frage stellen. Insbesondere die Dinge gilt es in Frage zu stellen, von denen wir überzeugt sind, dass sie keiner kritischen Prüfung bedürfen. „Wenn eine Idee am Anfang nicht absurd klingt,“, so Albert Einstein, „dann gibt es keine Hoffnung für sie.“ Doch anders, verrückt und querdenkend sein, das alleine genügt nicht. Es ist einfach auf die wenigen Verrückten zu schauen, die es geschafft haben und dabei die zu vernachlässigen, die ebenso verrückt, aber nicht so erfolgreich waren. Es ist zu einfach, Erfolgsrezepte retroperspektiv als solche zu bezeichnen. Anders als andere zu sein reicht nicht aus. Man muss auch signifikant besser, engagierter, hartnäckiger sein. Und dafür ist in Deutschland noch viel Luft. Das Gallup Institut macht für seinen „Engagement Index“ jährlich weltweite Umfragen zur Arbeitsmotivation von Mitarbeitern. Dabei werden drei Stufen unterschieden: engagiert, nicht engagiert und aktiv disengagiert. Die Zahlen für Deutschland lassen vermuten, dass wir glauben, es sei besonders schlau und klug, den Dingen erst mal skeptisch gegenüber zu stehen: Weit über 80 % aller Arbeitnehmer sind nicht engagiert oder haben bereits innerlich gekündigt. Dabei ist Skepsis oft der billige Versuch, den Mangel an Eigenmotivation und Begeisterungsfähigkeit zu kaschieren.

Im Versuch des Unmöglichen entsteht das Mögliche

Die Motivationslage ist vielleicht auch deshalb so desolat, weil 99 % der Menschen auf dieser Welt glauben, sie könnten nichts Großes vollbringen. Also streben sie nach dem Mittelmaß. Und so ist gerade bei den mittelmäßigen Zielen der Wettbewerb am schärfsten. Paradoxerweise wird es damit besonders zeit- und energieaufwendig, vermeintlich „einfache“ oder „normale“ Ziele zu erreichen. Es ist oft leichter, das Unrealistische zu tun und zu erreichen, als das Realistische zu erreichen. Es ist vielfach einfacher, eine Finanzierung für 1 Million zu bekommen statt für 100.000 Euro. Und manche Männer versichern glaubhaft, dass Traumfrauen leichter anzusprechen seien als die anderen. Was fürs Flirten mit Frauen oder Bankern gilt, gilt auch anderswo: Sie dürfen die Konkurrenz nicht über- und sich selbst nicht unterschätzen. Ich bin überzeugt: Im Versuch des Unmöglichen ist das Mögliche oft erst entstanden.

[Hermann Scherer]