Type Magazine: Der Tag, an dem die Musik starb

Der Tag, an dem die Musik starb English Version

Dieses Wochenende war ich auf einer „Geburtstags-Umzugs-Party“ eingeladen. Ja genau, eine “Jungs, bitte helft mir meine Sachen hin und herzuschleppen Umzugs Party.“ Und keine “Lasst uns die Reste aus der Bar vernichten, bevor ich umziehe Party“. War also nicht ganz so lustig. Ich meine irgendwie klingt „Umzugsparty“ ein bisschen wie „Wurzelbehandlungsfeier“ oder „Frühjahrsputzfest“.

Am Anfang mochte ich die Idee schon, aber mittlerweile… Ich meine man lädt eine Menge Leute zu seinem Geburtstag ein und gibt ihnen ganz leicht zu verstehen, dass man an diesem Tag auch gedenkt umzuziehen. Könnte lustig werden, wenn da eben nicht die Sache mit dem Umzug wäre. Und wenn man dann auch noch einer der ältesten und wichtigesten Freunde ist… klar könne er verstehen, wenn ich keine Zeit hätte,...Dennoch konnte ich sehr deutlich hören, wie er dachte, wenn du zu faul bist, dann leck mich. Im vollen Bewußtsein eine Art moderne freiwillige(!) Sklaverei einzugehen, sagte ich zu. Eine klassische Lose/ Lose Situation. Aber schließlich stand auch noch das Versprechen auf eine Party im Raum.

Ohne zu sehr auf Details einzugehen: nach dem Schleppen unzähliger Bücher, Tische und Stühle sowie schwerer Holzmöbel (alles echt, kein Pressspan, man will ja was darstellen) konnten die Feierlichkeiten beginnen.

Und am Ende des Arbeitstages machte mein Freund eine Ankündigung. Nach all dem „Danke euch- blabla“ sagte er, er hätte auch noch eine Kiste mit Musik-CDs und wir könnten uns nehmen was immer wir wollten…. kostenlos, er verschenkt die an uns oder schmeißt sie weg!

Aber nicht etwa, weil er beschlossen hatte monastisch zu leben, ohne Musik und Konsum – eine Horrorvorstellung für mich – sondern, weil er seine gesamten musikalischen Schätze bereits auf eine externe Festplatte oder seinen I-Pod transferiert hatte. Zudem ersteht er in letzter Zeit seine Musik so oder so nur noch als Download online.

Und dabei war es nicht einmal so, dass auf den CDs nur Drecksmusik war. Ich konnte es irgendwie immer noch nicht glauben, ist die CD wirklich schon wieder out? Oder bin ich etwa schon so alt? (Nein bin ich nicht, auch wenn die große 30 voll auf mich zurast!) Und dabei habe ich doch schon die Audio-Kassette beerdigt und die Datasette aus meinem Leben verbannt. Ich tauschte meine kleine Kasettensammlung gegen meine erste CD. Ich bin von Antennenfernsehen, auf Satellitenfernsehen und danach auf Kabel umgestiegen nur um jetzt online TV zu schauen. Ich gehöre zu einer Generation die noch weiß, was der Unterschied zwischen eine LP und einer Single ist (Für die Jüngeren unter euch: Ja ich rede über diese schmalen schwarzen Frisbees die noch Musik in den 70er Jahren gemacht haben). Es scheint nun an der Zeit zu sein, eine noch gar nicht so alte Freundin, die CD, zu verabschieden.

Verdammt, diese Ding ist nicht viel älter als ich, entwickelt in den späten 70er Jahren (die goldenen Ära der LP) und seit 1982 auf dem Markt. Die erste kommerzielle CD war eine klassische Aufnahme: Richard Strauss “Eine Alpensinfonie.“ Ich weiß, gut bei Wiki nachgelesen, aber ist ja auch schon Schnee von gestern, wir brauchen die CD nicht mehr.

Wir sehen uns bei YouTube die neuesten Musik-Videos and und hören im Internet Radio, wir checken die neuesten Trends und speichern die frisch gekaufte Musik auf unsere „Externen“. Es wird also Zeit, sich zu verabschieden, von der guten alten CD.
Oh, ich weiß, ich weiß. Es gibt immer noch Milliarden von CDs auf dem Markt, also so Tod kann sie ja noch nicht sein, aber jetzt beantwortet mir mal folgende Fragen, wie viele CD’s habt ihr letztes Jahr gekauft? Wie viel LPs? Wie hofft habt ihr euch online Musik angehört oder -gesehen und wie viel Megabytes an Musik mit guten Freunden getauscht? Also erzählt mir nichts.

[Alexander Salatzkat]